Wurmlöcher

Juni 19, 2008 at 8:49 (Leseproben) (, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , )

Am Abend konnte Michael nicht anders, als das Internet über den gekrümmten Raum, die Relativität der Zeit und die Wurmlöcher zu befragen. Zuerst stieß er auf unwahrscheinlich intelligente, aber ihm völlig unverständliche Erklärungen wie:

„Einem ruhenden Beobachter erscheint eine Zeitspanne in einem bewegten System größer, außerdem erscheint ihm die Länge eines bewegten Gegenstands in Bewegungsrichtung verkürzt.“

Das war ja noch irgendwie zu verstehen, zumindest wenn man es ein paar Mal las.

„Wir haben lange gebraucht um zu verstehen, dass sich Zeit genauso wie andere Dimensionen krümmen kann, erklärt Richard Gott, Astrophysiker an der Princeton University“

Wie krümmt sich Zeit? Schon ein gekrümmter Raum war für Michael schwer verständlich. Aber gekrümmte Zeit? Zeit war doch etwas völlig Substanz-loses, das erst entstand, wenn man es zu messen versuchte, ein abstrakter Begriff, von den Menschen mühsam in Einheiten zerlegt und in Teile zerstückelt!

Michael wühlte weiter im Internet:

„Teil des Konzeptes von Einstein in seiner 1905 veröffentlichten Theorie war die sogenannte Raumzeit, das bedeutet, Raum und Zeit bilden zusammen ein vierdimensionales Kontinuum.“

Na toll .. jetzt wurde das ganze noch vierdimensional! Alles, was Michael verstand, war: Nach Einsteins Theorien konnte man also die Zeit verlangsamen, wenn es einmal möglich war, mit Lichtgeschwindigkeit zu reisen, die Zeit sogar stillstehen zu lassen. Das bedeutete aber im günstigsten Fall, dass man zum gleichen Zeitpunkt wieder ankam, an dem man abgefahren war. Denn eine Reisegeschwindigkeit schneller als das Licht war auch nach Einstein nicht möglich.

Da kamen jetzt die Wurmlöcher ins Spiel, um die war es ja eigentlich Walter gegangen. Auch hier gab es wieder kurios-surrealistische Erklärungen wie:

„Ein Wurmloch ist ein mathematisches Konstrukt, das – wie auch das Postulat der absoluten Lichtgeschwindigkeit – aus Albert Einsteins Formelwerk stammt.“

Schön geschrieben, aber Erklärung war das keine!

„Wurmlöcher sind eine hypothetische tunnelähnliche Raum-Zeit-Struktur.“

Schön für die Wurmlöcher, aber was sagte das aus? Allein das Wort hypothetisch in diesem Satz nahm im jede erklärende Kraft.

„Einige Theoretiker vermuten, dass die Raumzeit im Bereich der Planck-Länge eine schaumartige Struktur annimmt, die von Wurmlöchern durchsiebt ist.“

Nein, Michael wollte gar nicht wissen, was eine Planck-Länge war, er wollte sich weder den Raum noch die Zeit als schaumartige Struktur vorstellen, er wollte doch nur wissen, was ein Wurmloch war!

„Wurmlöcher stellen eine Erweiterung der Lösungen der Einstein-Gleichungen durch Schwarze Löcher hinter den Ereignishorizont dar.“

Ach ja .. schlimmer kann es wohl nicht werden.

Erst das allerwelts-virtuelle-Weblexikon „Wikipedia“ gab eine lesbare und verständlich Auskunft:

„Die Idee hinter einem Wurmloch könnte man sich wie folgt plausibel machen: Will ein Käfer auf einem Blatt Papier von einer zur anderen Seite gelangen muss er normalerweise das ganze Papier entlang laufen. Wird aber das Papier geeignet gefaltet, gelangt er viel schneller auf die andere Seite.“

Das verstand Michael, zumindest solange er an ein gekrümmtes Blatt Papier und einen Käfer dachte. Er machte allerdings den Fehler, weiterzulesen, bevor er aus dieser plausiblen Erklärung Schlüsse über die Funktion von Wurmlöchern ziehen konnte:

„In Analogie zu diesem Papiermodell kann man sich auch die Kugelform des Wurmloches verdeutlichen.“

Scheiße, wieso Kugelform, das Papier war doch keine Kugel? Aber es wurde noch besser:

„So wie aus dem zweidimensionalen gefalteten Papier-Raum im Denkmodell ein dreidimensionaler gekrümmter Raum wird, so wird aus einem kreisförmigen Papier-Wurmloch ein kugelförmiges dreidimensionales Wurmloch.“

Ok, das das reichte jetzt. Michael überflog noch ein paar Erklärungen, dass auf jeder Seite eines Wurmlochs vermutlich ein schwarzes Loch lauern würde, dass die Wurmlöcher viel zu kurz geöffnet waren, um durchzureisen, und das man diese eigentlich völlig ungeeigneten Reiselöcher vorher noch mit einer geheimnisvollen Materie auskleiden müsse.

Michael war jetzt klar, wo Filmemacher von Science Fiktion Filmen ihre Fantasieschöpfungen hernahmen: Aus den Köpfen der Physiker und Mathematiker! Er beschloss aber, die Suche nach einer Erklärung der Wurmlöcher aufzugeben, Das war offensichtlich auch nicht der Weg zu einer Erklärung des Paradoxons Zeit, zumindest nicht in diesem oder im nächsten Jahrtausend.

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